KAPITEL17 | Glycerin

  • 09.09.2022
  • ELFENGESCHICHTE

Nein…….. Wann bin ich? Da sah ich das Haus meiner Eltern. Inmitten eines Meeres aus Ruinen umliegender Häuser.

1488  | Ein Sprung folgt dem Nächsten

Meine Mutter rannte auf mich zu, schlang die Arme um meinen Hals. Das Blut auf meinen Händen war verschwunden. Sie fragte nicht nach, was mir passiert war oder woher ich kam, denn als ich an mir heruntersah, erblickte ich meinen nackten Leib, umschlungen vom Umhang meiner Mutter. Wissend drückte sie mich ein Stück von sich weg und flüsterte: „Du bist gesprungen. Nicht wahr?“ Ich nickte bekümmert. Sie führte mich in unser Haus und reichte mir ein uraltes Stück Brot. Meine Spucke war nicht ausreichend, um es damit aufzuweichen. Während meine Mutter an einem Fenster rieb, um einen Blick in die Außenwelt zu erhaschen.


„Was suchst du Mutter?“ „Ich suche nicht, ich halte Ausschau. Die Hexenjäger sind zutiefst entschlossen, jeden unserer Sippe auszurotten.“ Trotz all dem Reiben wurden die Gläser des Fensters nicht durchsichtig. „Mutter. Warum steh ich in diesem Aufzug vor deiner Tür?“, ich bedeutete ihr, mein nacktes Erscheinungsbild zu erklären.


„Wenn du in der Zukunft warst, so darf die Vergangenheit nichts davon erfahren.“ Verständlich. Das Modebewusstsein hatte sich doch ziemlich weiterentwickelt. Ich stand auf und rieb ebenfalls an der Scheibe. „Ach, hätte ich nur mein chemisches Laboratorium und etwas Glycerin, dann könnte ich ein Frostschutzmittel herstellen, dass…“, sogleich legte meine Mutter mir ihre Hand auf den Mund.

„Mein Kind, du darfst das Zukunftsgeschehen nicht in das Hier und Jetzt ziehen! Schweige, sonst…“ Zack. Und aus war die Lampe.

1779  | Treibstoff, aber keine Fortbewegung

Das kann doch wohl nicht wahr sein! Wenigstens ruhte Mutters Umhang noch auf meinen Schultern. Wutentbrannt zog ich ihn fest um meinen Körper und stapfte im Schnee in Richtung eines nahegelegenen Ladens. Ich schlug die Türen scheppernd auf und rief in die Runde: „Wann bin ich?“ Ein Mann mit weißem Mantel sah mich entrüstet an. Ah, eine Apotheke, wenigstens ein Mann mit Wissen. „Madam, ein Dienstag schmückt diesen Wochentag.“ „Es reicht mir langsam.“, murmelte ich und rieb meine Schläfen. „Welches Jahr?“, murrte ich.

„1779. Wie schon gestern.“, meinte er, über seine Brille linsend. Genervt sah ich ihn an. „Aber nicht irgendein Dienstag. Ich habe etwas Außergewöhnliches entdeckt. So etwas haben meine Augen noch nie erblickt. Ein Stoff, ich kann ihn nicht benennen. Ich gewann ihn bei der Verseifung von Olivenöl! Vermag das im Bereich des Möglichen zu sein? Aus Olivenöl! Mein Salat schmeckt wohl kaum so köstlich, wie der Geschmack dieser Entdeckung.“

„Glycerin.“, sagte ich trocken.

„Wie meinen, junges Fräulein?“ „Nichts, Herr Carl Wilhelm Scheele. Ich lass sie dann mal alleine ihren Triumph auskosten.“ „So warten Sie doch!“, das war das Letzte, was ich von dem Apotheker im Hintergrund hörte. 

Großartig. Ich steh im Schnee in Schweden. Seit wann hüpfe ich denn von Land zu Land und nicht nur durch die Zeit. Aber danke für den wohlgemeinten Rat, liebe Mutter, jetzt stehe ich halbnackt in Schweden, mit dem ungetrübten Mundwerk und Wissen, des 21. Jahrhunderts. Nur, wie komm ich dorthin zurück?

 

AUTOR: Leonice Mercedes Troha

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